Der Wolf und der Hund

Zum Hunde, der die ganze Nacht
An seiner Kette zugebracht
Und, wann der Tag zu grauen fing,
Aufs Gay mit seinem Metzger ging,
Sprach einst ein Wolf:
Herr Bruder, wie so mager,
So schäbicht und so hager!
Du armer Hund!
Da sieh mich an, wie froh und wie gesund
Ich bin! - Ich rieche nach der Luft.
Mein Wolfsbalg atmet frischen Duft,
Ich fresse dir mit gleicher Lust,
Herr Bruder, Bald frisches Fleisch, bald Luder,
Denn leck ich klaren Quell und bin
Den ganzen Tag von frohem Sinn. -
Du aber, ach! versetzte Melak, ach!
Herr Bruder, nur gemach;
Drum bist du Wolf, ich Hund - du frei,
Ich aber in der Sklaverei.

Und die Moral? - o die ist jedermann bekannt
In Deutschland und in Engelland.

 

(Gedicht von Christian Friedrich Daniel Schubart, 1774)